» Aktuelles
Samstag, 14. April 2018 | 14:32 Alter: 12 Tag(e)

Was würde Jesus essen?


Dr. Bernadett Bigalke in Meißen

Passend zum Thema gab es in der Mittagspause "Futter für die Seele"

Fotos © Julia Weisberg

Im Rahmen der Wochenendtagung „Zeig mir, was du isst – Kulinarische Weltanschauungen und Identitäten“ entstand ein Kurzinterview mit der Religionswissenschaftlerin Dr. Bernadett Bigalke.

EAM: Essen ist heute definitiv für viele Menschen in gesicherten Lebensumständen weit mehr als bloße Ernährung  -  welche Bedeutungen fallen dem Essen im Christentum zu?

Auch ohne die gesicherten Lebensumstände von heute hatten Nahrungsmittel, Zubereitungsweisen und Mahlzeiten in der christlichen Geschichte vielfältige symbolische Bedeutung. Es wurde genutzt als Mittel zur Abgrenzung gegen andere Christen oder Nichtchristen, ich denke da an die Auseinandersetzung darüber, ob das Brot während des Abendmahls aus Oblaten oder aus hefehaltigem Brot bestehen soll. Oder das Spenden von Essen an die Armen oder der jahrelange Nahrungsverzicht als Zeichen für die eigene Heiligkeit und Transformation des Körpers. Oder natürlich das Feiern des Abendmahls als Opfermahl oder als Erinnerungsgemeinschaft. Die Bedeutungszuschreibungen sind endlos…


Gerade ist für viele Menschen eine Zeit des Fastens zu Ende gegangen. Viele fasten Handynutzung, Schokolade, Alkohol… trifft das den eigentlichen Sinn des Fastens?

Das ist eine theologische Frage. Darauf kann ich Ihnen als Religionswissenschaftlerin keine zufriedenstellende Antwort geben. Religionshistorisch betrachtet hat Fasten aber schon immer verschiedene Funktionen und Bedeutungen gehabt, je nach Kirche oder Jahrhundert oder Ort. Oder sogar verschiedene Bedeutungen innerhalb einer Kirche.
Als Privatperson kann ich Ihnen sagen, dass ich in meinem Netzwerk beobachtet habe, dass viel mehr Lutheraner während der Osterzeit auf Verschiedenes verzichten oder sogar temporär traditionell Fasten als Katholiken. Und das obwohl das vorösterliche Fasten in der Katholischen Kirche eine viel stärkere Tradition hat. Das wiederum ist religionswissenschaftlich höchst interessant!

Was stand bei Jesus auf dem Speiseplan? War er Vegetarier?

Jesus hat in Palästina gewohnt und folgte wahrscheinlich den normalen Ess- und Trinkgewohnheiten im damaligen Mittelmeerraum. Es gab lokale Früchte wie Feigen, Datteln und Weintrauben, Gemüse (Bohnen, Kürbis, Zwiebel), Weizenbrot, Wein, Olivenöl, Nüsse und Honig.
Allerdings war er Jude und hat sich wohl die meiste Zeit seines Lebens an die strengen jüdischen Speisegesetze gehalten. Das heißt aber nicht, dass er fleischlos lebte. Verzichtet wurde natürlich auf Schweinefleisch und einige Meerestiere. Gegessen wurde vorrangig Schaf, Ziege und Geflügel und jede Menge Fisch. Auch die Zubereitung war wichtig. Das Fleisch musste vollständig ausgeblutet sein, Milchiges und Fleischiges durften beim Kochen und Essen nicht vermischt werden.
Es gibt aber heute einige kleinere christliche Gruppen und Esoteriker, die behaupten, Jesus sei Vegetarier gewesen. Sie beziehen sich dabei auf alternative Evangelien oder legen bestimmte Bibelstellen anders als üblich aus. Damit führen sie ihren eigenen Vegetarismus auf Jesus zurück und stärken so ihr Anliegen.

Freitags Fisch? Welche Speisevorschriften oder-gewohnheiten lassen sich aus der Bibel ableiten?


Die Bibel ist ja kein Buch, sondern eine ganze Bibliothek. Und je nachdem, welches Buch man aufschlägt, findet man unterschiedliche Antworten. In Genesis wird vom Paradies berichtet. Da gab es wohl zunächst nur Vegetarisches. In Levitikus wird man dann aber über erlaubte und unerlaubte Fleischsorten aufgeklärt und in der Apostelgeschichte und den Briefen an die verschiedenen Gemeinden quält sich Paulus mit dem Ausgleich zwischen toratreuen Judenchristen und nichtjüdischen Jesusanhängern. Fragen wie: Kann man gemeinsam am Tisch sitzen? Gelten die jüdischen Speisegesetze immer noch oder nicht mehr? Darf man Fleisch auf dem Markt kaufen, wenn man nicht weiß ob es aus „heidnischen“ Kulthandlungen stammt? Das hat die damaligen Jesusanhänger umgetrieben.
      
Können wir uns aus der Bibel etwas für unsere heutige Ernährung abgucken?


Es gibt tatsächlich moderne Kochbücher, die sich auf die Bibel und Jesus berufen und ihren Platz auf dem großen Kochbuchmarkt haben. Die meisten richten sich sicherlich an Christen im weitesten Sinne. Die heißen dann „Zu Tisch bei Abraham“, „Biblisch kochen“ oder „What would Jesus eat?“.
Wenn man will, kann man ernährungswissenschaftliche Standards von heute auf die damalige Ernährung anlegen und würde wahrscheinlich zu dem Ergebnis kommen, dass sie gut war. Nicht zu viel essen (prassen konnten nur die Reichen), ungesättigte Fettsäuren im Olivenöl, kaum Zucker, Vitamine aus Kräutern, Gemüsen und Obst, Fleisch nur manchmal.


Dr. Bernadett Bigalke forscht und lehrt am religionswissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig. Im Rahmen der Tagung „Zeig mir, was du isst – Kulinarische Weltanschauungen und Identitäten“ hält sie am 14. April 2018 einen Vortrag an der Evangelischen Akademie Meißen.  


Aktuelle Veranstaltungen