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Montag, 11. Juni 2018 | 14:20 Alter: 185 Tag(e)

Beitrag zum Meißner Literaturfest: „Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen“


Prof. Barbara John (re.) und Susann Rüthrich, MdB, im Gespräch in der Evangelischen Akademie Meißen © Dr. Kerstin Schimmel

Am Samstag fand in der Evangelischen Akademie Meißen ein Gespräch zwischen Prof. Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen des NSU, und Susann Rüthrich, MdB, stellvertretende Vorsitzende des zweiten NSU-Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestags statt. Im Kern standen Gedanken zu Opfern und Hinterbliebenen der Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU).

Was macht es mit Menschen, wenn ihre Angehörigen plötzlich ermordet werden? Wie fühlen sich die Familien, wenn sich nach zahlreichen Vernehmungen durch die Polizei der Gedanke einschleicht, dass das tote Familienmitglied vielleicht doch ein dunkles Geheimnis hütete, Verbindungen zum kriminellen Milieu hatte? Wie gehen Menschen damit um, wenn der gewaltsame Tod eines geliebten Angehörigen über Jahre hinweg mysteriös bleibt? Was machen sie durch, wenn mit einem Mal klar wird, dass Rechtsterroristen aus fremdenfeindlichen, menschenverachtenden Motiven für die Morde verantwortlich zeichnen?

Seit fünf Jahren zieht sich das Gerichtsverfahren um die Mordserie des NSU hin, flankiert von parlamentarischer Aufklärung in Untersuchungsausschüssen. Während wir inzwischen mehr über die Täter und ihre Helfer wissen, bleibt das Schicksal der Opfer und ihrer Familien im Hintergrund. In einem Gespräch im Rahmen des Literaturfestes Meißen spürten Prof. Barbara John, u.a. Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen des NSU, und Susann Rüthrich, MdB, ehemalige stellvertretende Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses, ihren Verlusten, Wahrnehmungen, ja, ihren Wunden nach.

Der Verlust eines geliebten Menschen auf so grausame Art und Weise, durch heimtückischen Mord, sei unvorstellbar genug. Hinzu komme aber ein Vertrauensverlust in die Gesellschaft und den Staat, in dem die Familien seit vielen Jahren lebten. So etwas könne doch nicht in Deutschland passieren, einem Land, in dem alles nach Regeln verlaufe und seine Ordnung habe, zitierte Prof. Barbara John die ernüchternde Fassungslosigkeit einer der Angehörigen. Ein Zeichen, mit dieser Gesellschaft aber gleichwohl nicht zu brechen, sei die Tatsache, dass alle Opferfamilien weiterhin in Deutschland lebten. Unglaublich stark seien die Hinterbliebenen, so John.

Eine zentrale Aufgabe für Politik und Gesellschaft, so Susan Rüthrich, sei es, aus dem NSU-Terror zu lernen. Dies setze sowohl die Aufklärung der als auch die Erinnerung an die Taten voraus.



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