» Aktuelles
Montag, 18. November 2019 | 09:56 Alter: 19 Tag(e)

Die Apokalypse darf warten


Timo, Eva, Elli, Hanna, Klara, Johanna (v. l.) von der christlichen Freien Gemeinschaftlichen Montessori-Schule in Freiberg mit ihrem Plakat für »Fridays for Future«. © Steffen Giersch

Klima: In Freiberg wurde die Nachhaltigkeit erfunden. Was treibt heute Schüler in dieser Stadt bei »Fridays for Future« auf die Straße – Angst, Hoffnung oder Realismus?

Von Andreas Roth

Der Anfang ihres Kampfes gegen die Erderhitzung war klein. Und er war kalt. Timo (15) hatte einen Schal umgebunden und ein Plakat gemalt mit einem Auto-Tacho: Statt Geschwindigkeiten standen auf ihm die Worte »Krise«, »Katastrophe«, »Desaster« – und der Zeiger zeigte ziemlich weit in Richtung »Desaster«. So begann »Fridays for Future« auf dem Freiberger Obermarkt an einem Freitag im Winter dieses Jahres.


Timos Mitschülerin Klara (15) hatte auf ihrem Pappschild eine Fabrik samt Rauchwolken mit einem großen Kreuz durchgestrichen. Dass der große Begriff der Nachhaltigkeit vor über 300 Jahren in Freiberg von dem Berghauptmann Hans Carl von Carlowitz geboren wurde, davon hat sie schon einmal gehört. Jetzt geht dieser Begriff um die Welt. Der Berghauptmann Carlowitz hatte die Ausplünderung der Natur für Bergbau und Hüttenindustrie gesehen und auch, dass die Menschen damit an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen. Genau wie seine Freiberger Ur-Ur-Enkel heute.


»Es ist ein bisschen Angst«, sagt Klara. »Aber auch Wut – darauf, dass unsere Zukunft so vorherbestimmt wird.« Einige ihrer Mitschüler an der christlichen Freien Gemeinschaftlichen Montessori-Schule in Freiberg demonstrieren deshalb wie sie und Timo bei »Fridays for Future«. »Es ist das Wissen darum, was wir alles ausbaden müssen«, sagt Eva (14). »Es ist schon ein bisschen Angst gewesen vor den Auswirkungen der Klima­erwärmung«, sagt Johanna (14).

»Nie wieder Schnee im Winter, nie wieder Ski fahren«, sagt Hanna (15). »Es würde mehr Flüchtlinge geben, mehr Rassismus, Krisen und Kriege. Bei mir war es auch ein schlechtes Gewissen.«

In der Januarkälte waren sie gut 80 junge Menschen auf dem Freiberger Obermarkt, wo der Nachhaltigkeitserfinder Carlowitz einst wohnte, zum weltweiten Aktionstag Ende September über 300, Mitte Oktober wieder 80. Es ist nicht gerade leicht, in einer Kleinstadt gegen die globale Klima­erhitzung zu kämpfen. Die Schüler halten ihre Plakate direkt vor dem spätgotischen Rathaus in die Luft. Doch von Bürgermeister und Verwaltungsmitarbeitern fühlen sie sich übersehen, beobachtet die Abiturientin Elli (17). »Von Erwachsenen hören wir oft: Das bringe nichts, Kinder hätten sowieso keine Ahnung, es gehe ihnen nur ums Schule-Schwänzen – das ist traurig, da fehlt der Respekt vor der Jugend.« Elli treibt das an. Mindestens genauso wie die Angst. Von Erwachsenen hören sie solchen Widerspruch, aber auch von Mitschülern. »Und sehr schnell«, sagt Hanna, »wird es sehr persönlich.«


Klara hat lange mit ihrem Vater diskutiert. Wie wolle »Fridays for Future« denn die schon Jahrzehnte laufende Klimaerwärmung stoppen, fragte er sie. Wie die Kohlekraftwerke ersetzen, wie die erneuerbaren Energien speichern? Und werde die Bewegung nicht längst von Parteien ausgenutzt? »Die Diskussion mit meinem Vater war echt hilfreich, das Thema noch einmal von einem anderen Blickwinkel her anzusehen«, sagt Klara. Sie antwortete ihm: »Ich finde, dass es erst einmal darum geht, dass die Menschen begreifen, dass sich etwas ändern muss. Und dass ich damit bei meinem eigenen Konsumverhalten anfange.«

Das ist der radikal-praktische Grundansatz der Generation »­Fridays for Future«. Eiferndes Predigen, ideologischer Beton? Nicht bei Klara, Eva, Timo, Hanna und ihren Mitstreitern. »Ich muss den ersten Schritt tun, bevor ich andere kritisiere«, sagt Elli. Keiner von ihnen reist jedes Jahr mit dem Flugzeug in den Urlaub. Jeder von ihnen versucht, nicht mehr so viel und rücksichtslos billig einzukaufen. Möglichst oft auf Plastikverpackungen zu verzichten. Und auf Fleisch.


Auch das sorgt für Reibungen in Familien. Und selbst diese Angst vor Veränderungen verstehen sie. »Da hat die Generation unserer Eltern und Großeltern gerade die Wende verdaut«, sagt Elli, »und jetzt kommt schon die Klima-Wende.«

Vor allem aber: Sie wissen, dass die Dinge außerhalb der Großstädte manchmal etwas komplizierter sind. Timo zum Beispiel wohnt im Gimmlitztal. Die nächste Haltestelle liegt einsam und entfernt nahe einer Mühle. »Dörfler können heute einfach nicht anders als Auto fahren. Deshalb braucht es mehr Buslinien und Elektroautos.« Die Freiberger Schüler kämpfen für das Klima mitten in den Widersprüchen. Mitten in der Wirklichkeit. Das entmutigt sie nicht. Im Gegenteil.

Manche von ihnen glauben an Gott, andere nicht. Ermutigt von der Kirche fühlen sie sich nicht. Elli hat einmal in der WhatsApp-Gruppe ihrer Jungen Gemeinde zu »Fridays for Future« eingeladen, doch da kam nicht viel zurück. »Die Landeskirche hat viele interne Probleme, mit denen sie sich beschäftigen muss, wie die Diskussionen um Kürzungen«, sagt sie. »Da hat man das Gefühl, es schläft ein.«

Dabei fand Ende September zum weltweiten Klimastreik vor dem Freiberger Dom eine Andacht und Prozession mit Jugendlichen statt. Elli hat es wie ihre Mitschülerinnen nicht wahrgenommen. Es fehlt ihnen aber auch nicht.

Auch hier sind die jungen Menschen vor allem: Realisten. »Ich finde es schwierig zu fordern, dass sich die Kirche positionieren soll«, sagt Hanna, die katholisch ist. »Denn es gibt in ihr viele unterschiedliche Meinungen auch zum Klimawandel und das kann zu neuen Spaltungen führen.« Die Schüler wissen, dass auch der Klimawandeln für nicht Wenige zur Glaubensfrage geworden ist. Mit aller Sprengkraft, die Glaubensfragen oft mit sich bringen.

Umso nüchterner, scheint es, wollen die jungen Klimaschützer sein. Kompromisslos nur beim Verweis auf die Wissenschaft. Auf die Wirklichkeit des Raubbaus an Natur und Menschen. So realistisch, dass die Freiberger Demonstrationen am Nachmittag stattfinden und nicht mehr in der Schulzeit. Aber verändern sie damit etwas?

»Ich denke, dass wir immer noch ein bisschen belächelt werden«, sagt Hanna. Das habe man beim groß angekündigten Klimapaket der Bundesregierung gesehen: Mini-CO2-Abgabe und Pendlerpauschale, »viel Kleinkariertes«. Am schlimmsten aber seien die verbalen Umarmungen von »Fridays for Future« aus der Politik, die ohne Folgen bleiben.

»Die Uhr läuft. Aber ich glaube, dass unsere Bewegung die Gesellschaft verändern wird – vielleicht wird es dann nur schon 20 Jahre zu spät sein«, sagt Elli. Sie hat gerade wenig Zeit für »Fridays for Future«, denn sie muss ihr Abitur vorbereiten. Und das braucht sie, um die Welt zu verändern, das weiß sie.

Sie hat noch eine andere Idee dafür: In einer Gruppe an ihrer Schule baut sie an einem kleinen Auto, das von Brennstoffzellen angetrieben wird. Demnächst fahren sie mit ihm ein Rennen in Tschechien. Die Augen der jungen Frau mit der Wollmütze leuchten, wenn sie davon erzählt. »Weil es vielleicht eine Technologie gibt, die uns alle rettet«, sagt Elli. »Ich vertraue da ein bisschen darauf – auch wenn eine Grundangst manchmal noch da ist.«

Apokalypse? Elli und ihre Mitschüler haben Besseres vor.

Vortrag: Eine andere Welt ist möglich?!

Der Publizist Ulrich Grober hat mit dem Buch »Die Entdeckung der Nachhaltigkeit« ein Standardwerk über diesen heute so wichtigen Begriff geschrieben (siehe Seite 1). Am 28. November spricht er auf Einladung der Evangelischen Akademie Meißen ab 19.30 Uhr in der Dresdner Dreikönigskirche über die sächsischen Wurzeln der Nachhaltigkeit und die heute aus ihm wachsenden positiven Energien – die sich auch in der »Fridays for Future«-Bewegung zeigen. Der Eintritt ist frei.

 

Erschienen in DER SONNTAG 46/2019


Aktuelle Veranstaltungen