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Donnerstag, 12. Dezember 2019 | 12:54 Alter: 38 Tag(e)

Erinnerung an Wolfgang Ullmann


Ullmann-Schüler: Wolfram Bürger, Pfarrer in Berlin-Steglitz, Stephan Bickhardt und Stephan Steinlein, Staatssekretär und Chef des Bundespräsidialamtes, unter dem Balkon des Arbeitszimmers des Kirchenhistorikers.

 Zu Ehren des Theologen, Politikers und Publizisten Wolfgang Ullmann wurde am 9. Dezember an seinem ehemaligen Berliner Wohnhaus eine Gedenktafel enthüllt. Sein langjähriger Mitstreiter aus der Bürgerrechtsbewegung in der DDR Stephan Bickhardt, der heute als Direktor die Evangelische Akademie Meißen leitet, hielt dabei diese Laudatio:

 

Liebe Anwesende hier, liebe Familie Ullmann,

im Jahr 1985 geht die Initiative Frieden und Menschenrechte an den Start. Menschenrechte kommen in den Focus, die Zeitschrift „Grenzfall“ dokumentiert Menschenrechtsverletzungen, thematisiert Wehrdienstverweigerung und vieles mehr. Mit diesem Jahr 1985 betrachten wir eine Neuausrichtung der kritischen Gruppen in der DDR: das Unrecht im Inneren des Landes wird endlich thematisiert. Von den inneren Ursachen der Ost-West-Konfrontation spricht auch Wolfgang Ullmann, bezogen auf die DDR. Gleichfalls im Jahr 1985 richtet u. a. Wolfgang Ullmann in einer Ost-West-Initiative einen Brief an den Amerikanischen Kongress, wie auch unsere Freunde im Westen damals gleichlautend an den Obersten Sowjet schreiben. Dies geschieht aus Anlass des Tages der Befreiung zum 8. Mai 1985. Der Titel des Briefes lautet: Initiative für Blockfreiheit in Europa. Für die Autoren lautet der zentrale Satz: „Freiheit und Würde der Bürger sind der Schlüssel zu Freiheit und Selbstbestimmung der Völker.

Einige Tage zuvor gehe ich durch das Tor hier hinter mir, und frage Wolfgang Ullmann, ob er diese Initiative mit unterzeichnen würde. Unser verehrter Lehrer der Kirchen- und Universalgeschichte unterzeichnet. Es braucht Mut ihn anzusprechen und befreiend wirkt seine Reaktion! Er, der den Westen und den Osten kennt, sieht in dieser Aktion ein Lebensthema aufleuchten: eine kontinentale Gesellschaft des Friedens und der Wahrung der Würde des Einzelnen, der Gerechtigkeit und des sozialen Ausgleichs, der Bürgergesellschaft und des Aufbruchs zu neuem Gestaltungswillen. Wolfgang Ullmann tritt mit dieser Unterschrift in die Gruppenszene ein. Er ist nun nicht mehr nur der Lehrende seiner Studierenden, er ist der Lehrende einer Gemeinschaft von Leuten, die aufbegehren, die die Lüge satt haben, die mit dem Wort und der Sprache eine demokratische Welt anstreben.

Wie er schon als unser Lehrer am Sprachenkonvikt, einer Theologischen Ausbildungsstätte, manches Mal neben das Pult tritt und dabei den Fragenden in einer Weise ernstnimmt, dass gerade in diesem Moment ein Ruf zum Studium selbst erklang, so nimmt er nun die Fragen und Gedanken vieler, ihm unbekannter Menschen auf und führt sie weiter. Es sind großartige Momente, die zahllose Menschen auch später mit ihm teilen können, als etwa seine Einbringungen am Runden Tisch oder in der Volkskammer von Tausenden an Bildschirmen gesehen und verstanden werden. Es sind Berufungsmomente zum Politischen hin, die von dem gläubigen Menschen ausgehen.

Seine Wertschätzung des anderen hatte Tiefe. Wolfgang Ullmann sieht im Menschen tatsächlich das Ebenbild Gottes – bis dahin, dass er in seiner letzten Rede auf einem Parteitag von Bündnis 90/ Die Grünen davon spricht, der Mensch müsse sich auf den Tod vorbereiten. Wolfgang Ullmann litt besonders dann, wenn er aushalten musste nicht verstanden zu werden. So ging es ihm mit Wolfgang Schäuble und mit Rupert Scholz und deren Weigerung in Verfassungsfragen weiter zu denken und die deutsche Einheit durch eine Verfassungsabstimmung zu vollenden.

Wolfgang Ullmann glaubt an die Kraft des Wortes und die Wegstrecke Menschen zu überzeugen, ob er dabei nun über die Revolution der Glaubensfreiheit, gewöhnlich Reformation genannt oder über die Revolution der Gewaltfreiheit, gewöhnlich Wende genannt  öffentlich in Artikulation geht. Es ist dieser Glaube an die Kraft des Wortes, die Wolfgang Templin und mich 1986 erneut durch dieses Tor treten, genauer fahren lässt. Der grüne Bundestagsabgeordnete Heinz Suhr hat 3 Druckmaschinen von West- nach Ostberlin in seinem Golf I gebracht, um die Opposition zu unterstützen (bestimmt für die Zeitschriften „Grenzfall“ und die „radix-blätter“ sowie Reiner Eppelmann). Wir fahren zu dritt 2 Stunden durch Ostberlin, bis endlich die zündende Idee kommt , klar, die Maschinen bringen wir zu Ullmanns, schließen die Tore zum Hinterhof, haben dann die Stasiautos abgehängt und rein in die Wohnung mit den Dingern. Ich klingele, keiner da. Darüber aber wohnt die Familie seiner Tochter Rebekka, die ist da und nimmt ohne jedes Zögern die 3 Druckmaschinen vorläufig in Obhut.

Ich möchte an dieser Stelle der Familie Ullmann herzlich danken, dabei seiner Frau Christa besonders gedenken. Wolfgang Ullmann sagte einmal, es gäbe keine Frage, die er nicht mit ihr besprochen habe, ausführlich, die politischen eingeschlossen. Und der Dank soll auch an die Kinder gerichtet sein, an Esther-Marie Ullmann-Goertz, die den Nachlass mit betreut. Ein herzlicher Dank auch an Jakob Ullmann aus Naumburg, der soeben die Dogmengeschichte seines Vaters in 3 Bänden herausgegeben hat. Wolfgang Ullmann hat Grenzen überschritten, da hatten andere noch gar nicht erkannt, dass es solche gibt. Er hat die Grenze vom wissenschaftlich fundierten Wort zum opponierenden Bürger hin überschritten. Er denkt nicht in Separation, sein universales christliches Denken umschließt den Einzelnen, die Person. Und gerade weil der Einzelne in seinen Rechten bedroht ist, bezieht sich sein Denken auf Menschen, die glaubwürdig versuchen, die Diktatur zu durchlöchern. Hierin sehe ich auch seine Wertschätzung gegenüber dem Kreisauer Kreis begründet und seine Verbundenheit mit Freya von Moltke. Ich erinnere, wie Wolfgang Ullmann vom Konzept der Schöpfung spricht, genau das ist es. Es gibt unumstößliches, an dem der Mensch festzuhalten hat. Zuerst, im Sinne Wolfgang Ullmanns, ist dies die Beteiligung aller an den öffentlichen Angelegenheiten, daran gilt es heute in den Tagen der populistischen Zumutung festzuhalten. Ich komme aus Sachsen. Demokratie jetzt - oder wie Ludwig Mehlhorn es einmal in der Süddeutschen Zeitung erklärte: Demokratie pur!

Wir stehen auf der Straße und die Straße ist der Ort freier friedlicher Versammlung und vor 30 Jahren der erste Ort der Revolution. Und genau dort werden gesellschaftlich anwachsende Überzeugungen zu Losungen: Klima retten jetzt, Neues Forum zulassen, Rechtsextreme haben keinen Platz, Demokratie jetzt oder nie. Die Kraft des wahrhaftigen Wortes sollte heute wiedergefunden werden. Und das braucht die Erschließung der Quellen. Darum wünsche ich mir und hoffe im Sinne aller hier zu sprechen, darum wünsche ich mir eine Gesamtausgabe der politischen Schriften einschließlich der Reden im Europaparlament von Wolfgang Ullmann. Liebe Freundinnen und Freunde von Wolfgang Ullmann: Im Quellgebiet sollte nicht herumgetrampelt werden, nein das saubere Wasser dieser Sprachmacht Wolfgang Ullmann brauchen wir für die Zukunft. Ich bitte die hier Anwesenden der öffentlichen Institutionen für eine solche Gesamtausgabe der politischen Schriften einzustehen. Einstweilen geben wir uns noch zufrieden und schlagen auf: Wolfgang Ullmann, Zukunft Aufklärung. Eine Bestandsaufnahme am Ende der Utopien, Kontextverlag 1995. Ullmann schreibt: „Weder Juristen noch Philosophen – von Theologen ganz zu schweigen! – haben eine hinlängliches Bewusstsein davon, was es heißt, wenn Menschenrechte nicht mehr als ideale, sondern als fundamentale Normen gelten sollen... Fundamentalnormen sind reale Konstanten, deren Vernachlässigung die gleichen katastrophalen Schäden nach sich zieht, wie wenn Physiker oder Techniker eine Konstante wie c oder h, die Lichtgeschwindigkeit oder das Plancksche Wirkungsquantum, vernachlässigten.“ S. 98f. Wolfgang Ullmann.

Dank der Tafel am Haus wird erinnert an den Gelehrten und Bürgerrechtler Wolfgang Ullmann. Seine Sprache begründet Zivilgesellschaft. Sie darf nicht verloren gehen.   


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