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Dienstag, 07. Februar 2017 | 12:47 Alter: 226 Tag(e)

„Heilige, evangelisch“ – auf die Sicht und Deutung kommt es an

Eine Tagung in der Evangelischen Akademie Meißen in der Reihe Theologie fürs Ehrenamt vom 2. bis 4. Februar 2017


Foto (c) Jules Kitano, Fotolia

Eines der brisanten kontroverstheologischen Themen im Gefolge der Reformationszeit  ist die Frage um die Heiligen. Provoziert von der Behauptung „Wir haben keine Heiligen und sind auch keine" haben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung „Heilige, evangelisch“ zunächst mit Argumenten für und gegen Heilige als Personen und deren Verehrung gewappnet. In einer spannenden Pro- und Kontra-Disputation wurden dann die Argumente zwischen starker Skepsis und einer tastenden Annährung aus evangelischer Tradition durch wechselnde Diskutanten in Szene gesetzt. Unstrittig blieb die Einsicht, dass alle Getauften Heilige seien. Ob und wie aber Menschen mit besonderer Glaubens- und Lebensgeschichte als Vorbilder dienen, wurde zumindest als denkbar erachtet.
In  seinem Vortrag aus heutiger katholischer Sicht  versuchte Pfarrer Gregor Giele immer wieder Zugänge zu einem zeitgemäßen Heiligenverständnis anzubieten. „Heilig wird man nicht – heilig bleibt man.“ und Heilige zeigten, dass Mann und Frau diesem „Ideal“ näher kommen könnten.
Zuvor hatte Felix Prautzsch aus seinen Untersuchungen zu den Heiligenlegenden des hohen Mittelalters den Weg von den frühen Märtyrern hin zur aus der Volksfrömmigkeit entwickelten Heiligenverehrung bis zum Regelwerk der Heiligsprechung nachgezeichnet. Die mehrheitlich anerkannte Grundposition aus den Schmalkaldischen Artikeln, nach der Heiligenanbetung Götzendienst sei, denn es bedürfe im Gebet zu Gott keinen Umweg, entsprach der allgemeinen Grundstimmung.
Wie aber halten es denn die Protestanten mit ihrem Luther besonders in diesem Jahr des fünfhundertsten Reformationsgedenkens?
In angeregten Diskussionen, die auch die Pausenzeiten bestimmten, kreisten die Meinungen zunächst immer wieder um die Fragestellung, was denn nun „heilig“ eigentlich sei und ob es besonders mit dieser Eigenschaft ausgestattet Menschen gebe, dies sich aus der Schar der Gläubigen herausheben. Als Heiligen würde keiner den Reformator bezeichnen, gleichwohl der in 2017 um sich greifende Devotionalienhandel ungute Assoziationen wecke.
Zwei der Meißner „Lokalheiligen“ mit internationalem Ruf rückten dann am Samstagnachmittag in den Fokus: Benno von Meißen und Donatus von Arezzo - der eine in der Reformationszeit heilig gesprochen, der andere seit 968 der Patron des Meißner Doms. Durch Vortrag und Führung von Dompropst Andreas Stempel und Dombaumeister i.R. Günther Donath über die Legenden und die steinernen Figuren im Dom zu Meißen ließ sich etwas von den Intentionen der Altvorderen im Glauben erahnen.
Heikel wird es, wenn berühmt gewordene Persönlichkeiten wie Dietrich Bonhoeffer eine Art verklärenden Nimbus erhalten. Dr. Heiko Franke zeigte an Hand der wichtigsten Lebensstationen Bonhoeffers seine theologischen Grundsatzentscheidungen und seine menschlichen Seiten auf. In dem berührenden Film „Die letzte Stufe“ verdichteten sich die Fakten und Emotionen um diesen Mann, von dem man geneigt ist, als Märtyrer zu sprechen.
Bevor die "Gemeinschaft der Heiligen" am Sonntagmittag im Dom den Abschlussgottesdienst feierte, wurden in drei Workshops Wege sachgemäßen Umgangs mit den Heiligen als praktische Konsequenzen einer evangelischen Annäherung erarbeitet: eine interaktive Kirchenführung zu den Heiligenfiguren im evangelischen Kirchenraum, die Feier des immer beliebter werdenden Martinsfestes am 11.November und die Erinnerung und Gestaltung eines Fürbittengottesdienstes für die christlichen Märtyrer des 21. Jahrhunderts.
Fazit: Die Diskussion um „Heilige“ geht weiter. Der Umgang mit Luther und Bonhoeffer müsste bewusster und differenzierter erfolgen. Und: „Heilige vermitteln, dass das Leben als Christ gelingen kann.“

Johannes Bilz
Akademiedirektor


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