» Aktuelles
Freitag, 01. Dezember 2017 | 13:54 Alter: 11 Tag(e)

Kolonialismus im Norden

Einblicke in das Leben der Itelmenen auf Kamtschatka und der Samen in Fennoskandia


Mehrsprachige Ortsschilder in Finnland © Dr. Nadir Kinossian

Dr. Michael Rießler und Dr. Joshua Wilbur © Dr. Julia Gerlach

Fellboot vor Kamtschatka © Dr. Erich Kasten

Tjan Zaotschnaja © Dr. Julia Gerlach

Dr. Erich Kasten © Dr. Julia Gerlach

Kolonialismus im Norden? Der Titel der Vortragsreihe, die die Evangelische Akademie Meißen im Rahmen der Sächsischen Entwicklungspolitischen Bildungstage (SEBIT) in Dresden organisierte, mag vielleicht verwundern. Kolonialismus verbinden die meisten Menschen mit der südlichen Hemisphäre. Doch auch im Norden wurden Urbevölkerungen kolonisiert, d.h. asymmetrischen Herrschaftsbeziehungen unterworfen. Diese Jahrhunderte zurückliegenden Prozesse wirken noch heute nach. Indigene Sprachen und Kulturen sind vom Aussterben bedroht, traditionelles Wirtschaften und Leben ist staatlich stark reglementiert und darüber hinaus aufgrund des Klimawandels nur noch eingeschränkt möglich. Indigene Lebensweisen und indigenes Wissen stehen immer mehr zur Disposition.


In Fennoskandia betrifft dies etwa die Rentierzucht der Samen. Nationale Grenzziehungen, der Abbau von Rohstoffen und der Klimawandel machen es den Samen schwer, ihr Wirtschaften und ihre Kultur aufrecht zu erhalten. Durch Sprachpolitiken ist die Anzahl derjenigen, die eine der insgesamt zehn samischen Sprachen sprechen in den vier Ländern mit samischer Bevölkerung, Finnland, Norwegen, Russland und Schweden, stark zurückgegangen. Dr. Michael Rießler und Dr. Joshua Wilbur, Sprachwissenschaftler der Universität Freiburg, beschäftigen sich u.a. mit der Beschreibung und der Dokumentation dieser bedrohten Sprachen – ganz im Sinne der Samen. „Wir führen unsere Forschungsprojekte gemeinsam mit Samen auf Augenhöhe durch und stellen ihnen die Ergebnisse unserer Forschungen zur Verfügung“, so Michael Rießler, der das Forschungszentrum für samische Sprachen an der Universität Freiburg (The Freiburg Research Group in Saami Studies) aufgebaut hat und leitet. „Das Pitesamische, das in einigen Dörfern in Schweden beheimatet ist, verfügt nur noch über rund 40 Sprecherinnen und Sprecher, der jüngste von ihnen ist vor Kurzem 40 Jahre alt geworden“, berichtet Joshua Wilbur. Die Forschungen der Freiburger Sprachwissenschaftler helfen also dabei, die Sprachen niederzulegen und geben den samischsprachigen Bevölkerungen etwas an die Hand, das sie zur Revitalisierung ihrer Sprachen nutzen können. Die Lage der samischen Sprachen skizzieren die beiden Forscher als sehr unterschiedlich. Das Nordsamische, das im Norden Norwegens beheimatet ist, verfüge mit rund 20.000 über die meisten Sprecher. Eine Schul- und Hochschulausbildung sei in einigen Kommunen Nordnorwegens möglich. Auch im finnischen Lappland gibt es diese Möglichkeiten für das Skolt- und Inarisamische. In Schweden und Russland ist die Situation schwieriger. Dennoch können die samischen Sprachen überleben, wenn Eltern sie an ihre Kinder weitergeben, so Rießler und Wilbur.


Für die itelmenische Sprache auf Kamtschatka sieht es trotz intensiver Revitalisierungsbemühungen schwierig aus. Auf Kamtschatka leben geschätzt rund 3.000 Itelmenen. „Die meisten haben jedoch Russisch als Muttersprache“, berichtet Tjan Zaotschnaja (Gesellschaft für bedrohte Völker), die selbst auf Kamtschatka aufgewachsen ist. Die Verbreitung des Itelmenischen ging insbesondere zu Sowjetzeiten stark zurück. Menschen wurden umgesiedelt und assimiliert. Eine zentrale Rolle dabei spielten Internate, in denen es den Kindern verboten wurde, ihre Muttersprache zu sprechen. Auch das traditionelle Wirtschaften, der Fischfang, ist kaum noch möglich. Nur „autorisierte Nutzer“ dürfen Fischfang betreiben. „Die indigenen Gemeinschaften konkurrieren hier mit Fischkonzernen – und ziehen den Kürzeren“, zeigt Dr. Erich Kasten (Kulturstiftung Sibirien). Proteste gegen diese Wirtschaftspolitik sind kaum noch möglich. Durch ihre Forschungen und humanitären Projekte versuchen Kasten und Zaotschnaja jedoch, der bedrohten Kultur der Itelmenen etwas Bleibendes zu verschaffen – und den Menschen Mut zuzusprechen, ihre Identität zu leben. „Ich habe keine Erde, keine Fische, kein Meer, nur ein Lied ist mir geblieben“ – so lauten itelmenische Zeilen. Bleibt zu hoffen, dass diese Inhalte, nicht aber die Sprache, bald verklingen.


Aktuelle Veranstaltungen